Ich hatte Schiss …!
Diese Nacht war nicht wie jede andere Nacht: Ich hatte mir vorgenommen, herauszugehen und draußen zu schlafen. Ich habe schon öfter draußen geschlafen, nur nie alleine. Dieses Mal wollte ich es alleine wagen, mit fast 40 Jahren. Aber ich hatte Angst. Zwar fürchtete ich mich nicht vor dem bösen Wolf – zugegeben, ein wenig – oder dem Übeltäter, versteckt im Busch, sondern vor dem Alleinsein.
Wenn ich an "alleine" denke, dann steigen in mir die Langeweile und die Angst vor mir selbst hoch. Ich hatte zwei Jahre zuvor versucht, mich zu einer Solo-Übernachtung zu überreden. Ich hatte im Internet gesurft und entdeckte dieses wundervolle, teure und leichte Zelt aus der amerikanischen Throughhiker-Szene; es lachte mich an! Damit wollte ich mich beschenken und mich zu meinem ersten Solo-Abenteuer überreden. Daraus wurde nichts. Das Zelt verstaubt seither im Regal.
Ich habe mit dem Outdoor-Hobby spät angefangen zusammen mit meiner Frau, als ich sie in meinen frühen 30ern kennengelernt hatte. Bei unserer ersten Übernachtung im Zelt waren wir schon zu dritt, später dann zu viert. Unsere ältere Tochter war im zarten Alter von nur drei Lebensmonaten bereits mit uns zelten – es war unsere Premiere im ersten eigenen Zelt. Von da an wurde das Zelt ein zentraler Bestandteil folgender Urlaube: Sei es mit dem Auto, unterwegs mit dem Kanu oder mit dem Fahrrad, das Zelt war unser Zuhause auf Touren.
Doch was mich die Jahre immer abgeschreckt hatte, war die Solo-Tour. Der Gedanke, loszulaufen ohne meine Familie, reizte mich überhaupt nicht. So toll finde ich die Bäume nicht, dass ich auch die Nacht mit ihnen verbringen möchte.

Drei Jahre später, im Mai 2025, starteten wir in eine längere Bikepacking-Tour mit den Kindern zur Oma nach Ostfriesland. Wir wollten mit dem Fahrrad von Haustür zu Haustür fahren, immer gegen den Wind, und dann das Auto per Zug nachholen für die Heimreise. Wenige Tage vor unserem Ziel kam mir eine Idee: Warum mit dem Zug das Auto holen, wenn ich doch ein Fahrrad habe!
Nachdem wir bei der Oma in Ostfriesland angekommen waren, setzte ich mich nur wenige Tage später wieder in den Sattel Richtung Leipzig. Es wurde meine erste Solo-Bikepacking-Tour – und ich schlief in einem Zelt, alleine! Ich glaube, diese Erfahrung brach in mir das Eis. Allerdings übernachtete ich in privaten Gärten, so fühlte ich mich nie alleine und auch nicht wirklich in der Wildnis – bei den bösen Wölfen.

Ein Jahr verging und mit dem März brachen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke des Winters. Das anbrechende Frühjahr schenkte mir die Lust auf eine Solo-Übernachtung. Ich bestellte mir für den finalen Entschluss ein neues Zelt des Herstellers TarpTent. Es war ein neu entwickeltes Zelt mit dem Namen ProTrek. Das Schöne an dem Zelt: Es ist klein und farblich unauffällig. Das half mir mit dem Gedanken, alleine draußen zu schlafen, weil der beengte Raum mir Geborgenheit vermittelte.
Dieses Mal wagte ich es: Mit dem neuen Rucksack und Zelt auf dem Rücken, marschierte ich am späten Nachmittag von Zuhause los und suchte mir für die Nacht einen Platz. Ein kleines Waldgebiet nahe der Stadt hatte ich vorab herausgesucht. Vor Ort angekommen erkundete ich die Optionen für einen Schlafplatz. Ich fand eine schöne Stelle, die genug Platz hatte, einen schönen Ausblick und nicht zu steil war. Und was soll ich sagen? Es war meine erste Solo-Übernachtung ganz alleine. Wie war es?

Wunderschön! Das kühle Frühjahr erschloss sich mir mit einem herrlichen Sonnenaufgang. Die Vögel zwitscherten das Morgenlicht herbei, laut und vielfältig! So hatte ich noch keinen Morgen meines Lebens wahrgenommen.
Im Morgenlicht tanzten kleine Vögel auf den Ästen der Bäume und suchten Nahrung. Ein Rotmilan kreiste zwischen den Bäumen hindurch, setzte sich auf einem Ast nieder, und zog dann wieder seine Bahnen, abermals über das Zelt und mich – es war einzigartig. Es gab so viel zu beobachten, dass mich keine Langeweile noch Angst überkam, stattdessen Dankbarkeit. Ich war dankbar für das Hier und Jetzt. Bisher hatte ich einen vergleichbaren Moment nicht erlebt: Es zeigte sich mir das vielfältige Leben der Schöpfung Gottes.
Groß sind die Werke des HERRN; wer sie erforscht, der hat Freude daran.
Psalm 111,2 – Lutherbibel 2017



Equipment:
- Zelt: TarpTent ProTrek V1
- Rucksack: GOSSAMER GEAR Kumo 36 Superlight
- Isomatte: Sea to Summit Ultralight XR Regular
- Quilt: KATABATIC GEAR Flex 30°F / -1°C
- Kopfkissen: HMG Stuff Sack Pillow (gefüllt mit Klamotten)
- Wasserflaschen: 2 × 1 Liter Igneous NOBO Bottle
- Gaskocher: Soto Amicus
- Kochtopf: Toaks Titanium 750ml Pot
- Küche: Titanbesteck, scharfes Messer, etwas Zewa, eine Mülltüte, Feuerzeug, Salz, Kaffepulver blaek
- Essen: zwei Dosen Ravioli, Laugenstange, zwei Salami-Sticks, zwei kleine Äpfel, zwei Eier, Kekse
- Elektronik: Handy, Stirnlampe, Powerbank, Ladekabel
- Bekleidung: Mütze, dünne Daunenjacke, Trailrunning-Schuhe, Funktionsunterwäsche zum Schlafen, T-Shirt, Running-Tight, Socken
- Toilette: BoglerCo Ultralight Trowel + Toilettenpapier + Hundekotbeutel
- Mini-Erste-Hilfe-Set